Fediverse & Content Warnings?

Einige von Euch kennen mich nun schon seit gut einem Jahr im Fediverse.

Zunächst war ich bei chaos.social zu hause und später habe ich es gewagt eine eigene kleine Mastodon-Instanz zu starten aber irgendwann war mir der administrative Aufwand doch ein wenig zu viel und bin daher wieder zurück in die Heimat zu chaos.social gegangen.

Aber warum Fediverse? Warum Mastodon, Pleroma, Pixelfed und Co?

Für mich persönlich war es eine einfache Entscheidung.

Ich bin ein Überlebender – ein Begriff, der für manche vielleicht nicht ganz klar ist.

Durch Ereignisse in meiner Kindheit und Jugend, die mich äußerlich wie innerlich zerstört haben, durchlebe ich bis heute immer wieder teils sehr schwierige Zeiten und das sollte eigentlich auch für's Erste reichen.

Soziale Netzwerke sind für mich, seit dem es sie gibt, meine erste Anlaufstelle geworden, um Kontakte zu pflegen, neue Bekannte und gar Freunde zu entdecken oder leider auch wieder zu verlieren. Sicherlich geht es einigen von Euch ganz ähnlich.

Nun aber zurück zur Ausgangsfrage: Warum ins Fediverse?

Für mich zeichnet das Fediverse, neben allen anderen Vorzügen wie Dezentralität und einer damit verbundenen Datensparsamkeit aus, dass es hier so genannte CWs (Content Warnings) gibt.

Diese Warnungen sind ein Segen für mich – ich darf dadurch endlich selbst entscheiden, welchen möglichen Dingen, wie beispielsweise Corona, Essen, Sex, Alkohol und Drogen sowie weiteren emotional eventuell aufwühlenden Themen, ich mich aussetzen kann und möchte.

Das hängt auch sehr von meiner “Tagesform” ab – manchmal macht es mir nichts aus, über Eure Informationen, Ängste oder gar Sorgen in Bezug auf Corona oder diversen anderen Dingen zu lesen – aber es gibt Tage oder gar Phasen, wo ich das einfach nicht aushalten kann. Das kann dann im schlimmsten Fall dazu führen, dass ich hier sitze, anfange zu zittern und mein Körper meint er müsse eine krasse Panikattacke fahren.

Damit verbunden gehen dann sämtliche Kräfte, die ich eigentlich noch für den Rest des Tages brauche, verloren. Ich KANN dann NICHTS mehr machen. Essen, Einkaufen, Duschen? Vergesst es – der Tag ist dann gelaufen. Da geht überhaupt nichts mehr.

Das ist natürlich eine heftige Reaktion. Es gibt für mich zwischen Unwohlsein, über Betroffenheit, Ängste bis hin zur absoluten Panik viele Zwischenstufen. Ganz ähnlich bei vielen anderen Menschen, aber es zeigt Euch auch, wie weit es reichen kann.

Ich versuche oft mir meist nichts anmerken zu lassen und gehe dann trotz allem über meine Kräfte hinaus. Das dann aber nicht zu tun ist für mich persönlich schwierig. Daran habe ich noch zu arbeiten. Und ich bemühe mich, dies auch zu tun.

Daher appelliere ich an Euch alle da draußen: Benutzt Content Warnings, lieber einmal mehr als einmal zu wenig, denn nur so gebt Ihr Menschen wie mir die Möglichkeit im Vorwege eine eigene Entscheidung zu treffen.

Einige werden vielleicht sagen: “Tja, nocci – das Leben ist nun mal nicht immer planbar.” oder “Wir können Dich doch nicht in Watte packen” ... “Du stellst Dich aber auch an, ey!” und ich bin sicher, dass Menschen wie ich das schon zigfach in allen möglichen Variationen gelesen oder gehört haben.

Das ist schade, denn die Menschen, die so etwas von sich geben sind meiner Meinung nach einfach sehr sehr privilegiert und sie scheren sich nicht um Menschen wie mich. Ihnen ist es anscheinend egal, wenn wir zitternd auf dem Sofa sitzen und dass wir im schlimmsten Fall keine wichtigen Termine mehr an diesem oder an folgenden Tagen wahrnehmen können. Weil wir es einfach nicht mehr schaffen. Das ist doch doof.

Des weiteren bekomme ich oft zu lesen "Ja, nocci, dann richte Dir doch einen entsprechenden Filter ein, wenn Dich ein Thema belastet."
Ja, das geht zum Teil... und das mache ich bei gewissen Dingen wie sexuelle Belästigung, Missbrauch, Femizid usw ja auch.
Aber auch hier gibt es eine Einschränkung: Bei manchen Themen ist es total tagesformabhängig, ob ich ein Toot lesen kann und möchte.
Corona ist da ein gutes Beispiel. Für gewöhnlich interessieren mich diese Dinge rund um die Pandemie, aber es gibt Tage oder auch Stunden, wo es mir zu viel wird. Dann sind Filter einrichten und wieder löschen eine Tätigkeit die Energie kostet, die ich gerne für meinen "normalen" Tag verwenden möchte.

Aber sollten wir alle nicht besser sein? Sollten wir nicht versuchen allen Menschen die Chance zu geben, sich sicher zu fühlen?

Ich vergesse natürlich auch ab und zu eine Warnung an meine Toots zu packen. Falls es mir bewusst wird, dann korrigiere ich meinen Fehler, oder ich werde darauf hingewiesen und das ist gut so. Ich bin dankbar, weil ich vielleicht selbst nicht wusste das Thema X oder Thema Y für jemanden schwierig ist. Ich möchte niemanden ausschließen oder gar in einen Zustand versetzen, wo es zu schwierig für diese Person wird ein Netzwerk zu nutzen, was für die Person vielleicht super-wichtig ist. Die Gründe interessieren mich dann auch nicht. Denn dies zu wissen, steht mir da auch nicht zu. Ich akzeptiere das dann einfach, ändere mein Verhalten und gut ist's.

Ich möchte, dass jeder Teilnehmer eines solch tollen Netzwerkes selbst die Entscheidung hat, ob Thema X oder Y gerade okay ist.

Daher appelliere ich an Euch noch einmal, eventuell doch hier und da zumindest zu überlegen, ob eine Content Warnung angebracht ist.

Ich danke Euch.

PS: @Lotte@chaos.social hat mich seinerzeit auf den Podcast von @homer77@social.tchncs.de aufmerksam gemacht und ich finde ihn sehr gelungen:

[PLBD010 Content Warnings – Plapperbu:de]
https://plapperbu.de/2020/01/05/plbd010-content-warnings

PPS: Natürlich könnt Ihr Euch auch sagen, dass ihr keine Content Warnings verwenden wollt, aber dann kann es eben sein, dass Euch Leute nicht mehr weiter folgen können oder wollen. Und das ist dann ja auch okay, aber vielleicht auch ein bisschen schade, weil ein Kontakt verloren gehen könne, der Dir oder der anderen Person wichtig ist.